Eine ungewöhnliche Station auf meinem Weg
Bevor ich Personal Trainer wurde, habe ich mich zwei Jahre lang intensiv mit Körper- und Bühnenarbeit beschäftigt — Improvisationstheater, Körperausdruck, die Kunst, im Moment präsent zu sein, ohne nachzudenken. Wenn ich das erzähle, ernte ich oft ein überraschtes Lächeln. Was hat das mit Krafttraining zu tun?
Mehr, als man zunächst denkt. Diese zwei Jahre haben meinen Blick auf Bewegung nachhaltiger verändert als so manches Sportwissenschaft-Seminar.
Bewegung ohne Kontrolle — und was das bedeutet
Im klassischen Training denken wir oft in Kontrolle: die richtige Technik, der saubere Bewegungsablauf, die korrekte Ausführung. Das ist wichtig — keine Frage. Aber auf der Bühne lernt man etwas anderes: Bewegung, die aus dem Moment entsteht, ohne ständige Selbstkontrolle.
Viele Menschen, die zu mir ins Training kommen, sind in ihrem Kopf. Sie denken zu viel über die Bewegung nach, statt sie einfach auszuführen. Das blockiert oft mehr, als es hilft. Genau hier hilft mir die Erfahrung aus der Bühnenarbeit: Menschen dabei zu unterstützen, aus dem Kopf raus und in den Körper rein zu kommen.
Präsenz als Trainingsprinzip
Eine der wichtigsten Lektionen aus der Bühnenarbeit ist Präsenz: vollständig im Moment zu sein, ohne Ablenkung, ohne gedankliche Abwesenheit. Im Training übersetzt sich das in etwas sehr Praktisches — die Qualität einer Übung hängt nicht nur vom Gewicht oder der Wiederholungszahl ab, sondern davon, wie bewusst du sie ausführst.
Eine Kniebeuge, die du gedankenverloren und im Autopilot durchführst, bringt dir weniger als eine Kniebeuge, bei der du wirklich spürst, was dein Körper tut. Diese Art von Körperbewusstsein ist genau das, was ich aus zwei Jahren Bühnenarbeit mitgenommen habe — und was ich versuche, in jedes Training einzubauen.
Was Improvisation mit Trainingsplänen zu tun hat
Gutes Improvisationstheater funktioniert nicht nach starrem Skript. Es reagiert auf das, was im Moment passiert. Genauso sollte gutes Training funktionieren: nicht stur einem Plan folgen, der vor drei Wochen geschrieben wurde, sondern auf das reagieren, was der Körper gerade braucht.
- War die letzte Nacht kurz? Dann passen wir die Intensität an.
- Spürst du noch Ermüdung vom letzten Training? Dann verschieben wir den Fokus.
- Läuft es heute richtig gut? Dann nutzen wir das.
Struktur ist wichtig — aber starre Pläne, die keinen Raum für den Menschen vor mir lassen, sind für mich keine gute Methode. Das habe ich nicht im Sportstudium gelernt. Das habe ich auf der Bühne gelernt.
Warum dieser Umweg kein Umweg war
Mein Weg zum Personal Trainer war nicht geradlinig — eine Ausbildung zum Elektroniker, das nachgeholte Abitur, das Sportstudium, dazwischen zwei Jahre Bühnenarbeit. Rückblickend war jede dieser Stationen wertvoll, gerade weil sie so unterschiedlich war.
Die Bühnenarbeit hat mir nicht beigebracht, wie man eine Langhantel hält. Aber sie hat mir beigebracht, wie man Menschen wirklich sieht — ihre Anspannung, ihre Unsicherheit, den Moment, in dem sie aufhören nachzudenken und einfach anfangen zu machen. Genau das ist es, was ein gutes Training von einem mittelmäßigen unterscheidet.